Venezianische Morgen

 

 

 

Einer meiner liebsten Dichter ist Rainer Maria Rilke…weil er mit Worten malen kann, und weil seine Gedichte so unglaublich bildgewaltig und sinnlich sind.

In seinem Gedicht  "Venezianischer Morgen“ umschreibt er Venedig als eine Stadt, “welche sich bildet ohne irgendwann zu sein“, und jeder Morgen neu “muß ihr die Opale erst zeigen, die sie gestern trug“.

 

Wenn wir morgens unser Hotel in der Nähe des Markusplatzes verließen und wir den “Venezianischen Morgen“ erlebten, musste ich jedes Mal an Rilke denken:

Einmal war die Stadt im Meer versunken, sie lag noch im Schlaf, die Nymphe in den Armen des Zeus. Sie hatte sich dem Touristengewimmel entzogen und ihr Herz,der Markusplatz, war im Meer versunken…wie lange? …wer weiß. Man konnte ihr nicht böse sein, denn sie war in ihrem Schlaf so wunderschön, sie blickte mit ihren Palazzi, dem Dogenpalast und ihren Kuppeln der Markusbasilika in einen blauen Spiegel durch den die Wolken des Himmels zogen: „Es war, als hätte der Himmel die Erde still geküsst!“

Als wir dann am Mittag von unserem Ausflug zum Markusplatz zurückgekehrt waren, war die schöne Serenissima erwacht und der Markusplatz lag vor uns: ohne eine Spur von Naß, als wäre nichts geschehen,lächelte sie uns "lässig" an, als wäre alles nur ein Traum gewesen.

 

 

 

Venezianischer Morgen
 
 
Fürstlich verwöhnte Fenster sehen immer,
was manchesmal uns zu bemühn geruht:
die Stadt, die immer wieder, wo ein Schimmer
von Himmel trifft auf ein Gefühl von Flut,
 
sich bildet ohne irgendwann zu sein.
Ein jeder Morgen muß ihr die Opale
erst zeigen, die sie gestern trug, und Reihn
von Spiegelbildern ziehn aus dem Kanale,
und sie erinnern an die andern Male:
dann giebt sie sich erst zu und fällt sich ein
 
wie eine Nymphe, die den Zeus empfing.
Das Ohrgehäng erklingt an ihrem Ohre;
sie aber hebt San Giorgio Maggiore
und lächelt lässig in das schöne Ding.
 
Rainer Maria Rilke
 
 

Vom amerikanischen Schriftsteller Henry James (1843-1906) stammt das Zitat:

“Es gibt zwei Arten von Städten auf der Welt: Venedig und alle anderen.“

 

Venedig ist ein eigener Kosmos, eine andere Welt. Man nähert sich ihr am besten vom Wasser aus. Morgens, wenn es noch diesig ist auf dem Meer und langsam die Sonne durch den Schleier der Verhüllung hindurch bricht. Dann spielt die Stadt schon die erste Scharade mit dir, verwirrt dich als Fremden, der sich ihr im Boot zu nähern sucht. Da taucht aus dem Nebel in der Ferne ein Campanile nach dem anderen auf, der dich in deiner freudigen Erwartung täuscht, weil sie alle dem Glockenturm auf dem Markusplatz etwas ähneln.  Ein Wechselspiel aus Verschwinden und Erscheinen in einem glitzernden Dunst, alles wirkt traumhaft,und man verliert sich. Das gleichmäßige tuckern des Schiffsmotors hat dich schon eingelullt, da taucht sie plötzlich und unerwartet auf, die Schönste, die Einzige, die Serenissima. Sie hat dich in einigen Vorzimmern auf dem Weg zu ihr warten lassen, um die Erwartung und die Freude sie nun endlich zu sehen zu steigern. Nun zeigt sie sich die ganz offen vom Meer aus in ihrer vollen Pracht, ohne Mauern und Tore, öffnet sie sich zwischen zwei großen Säulen dem Besucher.

 

 
 
 
 
 
 

 

 

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